Wir laufen nicht, wir stolpern

Memminger Hütte bis Skihütte Zams

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Der zweite Tag bricht an und Feli und ich wachen erschöpft auf unserem harten Matratzenlager auf. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eingequetscht zwischen Wand und Feli habe ich die halbe Nacht erfolglos versucht das Schnarchen der anderen zu erfolglos zu ignorieren. Um halb sechs dann ein Chaos und Getümmel, denn die ganze Meute will als erstes den Wanderweg betreten. Ich stopfe mir schnell Taschentücher in die Ohren und versuche die nächsten zwei Stunden zumindest ein halbes Auge zuzumachen. Um acht Uhr stehen Feli und ich dann auch ziemlich zerknittert auf und trinken erstmal nen Kaffee (es gibt hier leider keinen Cappuccino) brrrr.

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Schließlich machen wir uns auch als fast die letzten um acht Uhr (!!!) auf den Weg und erfreuen uns nach dem anstrengenden Aufstieg des Vorabends erstmal am Abstieg ins Tal. Vorbei an zerklüfteten Felsen, reißenden Flüsse und Wasserfällen erreichen wir den kleinen Ort Holzgau. Im örtlichen Supermarkt suchen wir vergeblich nach den guten Wurzenbeißern (Pfefferbeißer), die man an jeder Ecke, in jedem Gasthaus und jeder Bar serviert bekommt. Enttäuscht wollen wir bereits den Supermarkt verlassen, da lockt uns von rechts ein goldener Schimmer an. *Engelsseufzen* – da ist es. Sakristeiartig türmt sich vor uns ein gigantisches Wurstregal auf. Unsere Münder klappen auf und wir verlassen den Markt überglücklich.
Fernab von Wurstregalen gab es allerdings noch viele andere spannende Dinge zu entdecken im Allgäu und in Tirol. So befanden wir uns gegen Mittag auf dem Weg zur Memminger Hütte, als ich erstaunt die dritte Fliege, die sich in meine Füße verliebt zu haben schien, beim Verjagen aus Versehen erschlug. Unsere einzige Erklärung für die schlechten Reflexe der Fliegen in den Alpen ist die Vermutung, dass in der Regel nur wehrlose Kühe als Opfer dienen und der Mensch als Nahrungsquelle noch nicht erschlossen ist.

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Feli und Bärbel

Kurz vor dem zweistündigen Aufstieg zur Memminger Hütte versuchen Schildkrötenpanzer-Feli (ihr Rucksack erweckt den Anschein) und ich mit geeinten Kräften ihre innere Schweinehündin Bärbel zu besiegen, doch dies ist gar nicht so leicht. Beim anstrengenden Anstieg kommt sie immer wieder nörgelnd zum Vorschein. Gegen Ende ist Bärbel jedoch überglücklich, weil wir selbst beim erklimmen des Berges noch die meisten Wanderer vor uns überholten. Check!
Abends dann zieht ein Unwetter über uns und die Memminger Hütte hinweg. Im warmen Inneren der Hütte nehmen Feli, ich und vierzig andere lustige Bergsteiger gerade ihr deftiges Abendessen und eine kleine Magnesiumtablette gegen den Muskelkater ein. Mein Blick schweift umher und streift müde, betrunkene

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und sonnenverbrannte Gesichter. All in allem eine sehr witzige und freundliche Truppe, die keine Kontaktängste verspürt. Nachdem alle ihr Bergsteigeressen (Linseneintopf) zu sich genommen haben machen sie sich auch schon laut lachend auf den Weg ins Bett. Wir dagegen beziehen mit circa zwanzig anderen das Notlager. Wenn die Hütten ausgebucht sind, gibt es für spät eintreffende Wanderer immer die Möglichkeit auf einer einfachen Isomatte gemeinsam mit allen anderen für 5€ die Nacht zu verbringen. (Ehrlich: Die Nacht war besser als im Matratzenlager, also lieber zu spät kommen).

Am nächsten Morgen wachen alle früh auf, um dem Frühstücksbüffet Platz zu machen. Um halb sieben IMG_0113verlassen wir die Memminger Hütte auf dem Weg ins Tal nach Zams. Uns steht eine schwierige Etappe bevor: zuerst erklimmen wir entlangwandernd an Wildpferden und den letzten Überbleibselseen der Eiszeit die Seescharte (einen Gebirgskamm) um darauf den unglaublich überragenden Blick ins nächste Nebeltal werfen zu können. Hier wird erstmal gefrühstückt. Dann beginnt ein überaus zäher und langwieriger sechsstündiger Abstieg nach Zams. Unterwegs gibt es die eine oder andere kleine

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Verlockung, der wir kaum widerstehen können: Am schlimmsten sind die schief grinsenden Bänke, die uns zu ständigen Rasten verführen wollen. Man denkt sich nichts Böses und schwuppdiwupp sitzt man schon wieder auf der Bank, die heimlich hinter der Ecke gewartet hat. Und würde es sich hier um einen normalen Wanderweg handeln, dann wäre das halb so schlimm, doch wir befinden und auf dem Abstieg direkt in die Hölle. Irgendwann laufen wir nicht mehr, wir stolpern. Unsere Beine sind wie Gummi und die Füße schmerzen. Dann kommt die Frage: “Was machen wir hier eigentlich?” Gute Frage! Wir Laufen uns hier

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unsere zarten Füße kaputt und wofür? Vielleicht für das Gefühl der Gesellschaft zu entrinnen und der Natur nur dieses eine Mal wenigstens etwas näher zu sein, als je zu vor. Vielleicht auch nur, weil uns das Abenteuer kitzelt oder vielleicht auch nur wegen der guten Wurzenbeißer. Wer weiß das schon? Am Ende kriechen wir oberhalb Zams zur Skihütte und freuen uns auf einen entspannten Nachmittag – vor allem für unsere armen Füße.

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