Berg für Berg

Talhütte bis Meraner Hütte

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Ich sitze gerade im Zug von Venedig nach Köln und schaue zurück auf ereignisreiche zwei Wochen in den Bergen, Verona, Vicenza und in Venedig auf der Biennale. So aufregend dies klingt, so ermüdend war dieser Urlaub am Ende doch auch. Nun bringe ich noch diesen einen letzten Eintrag zu Papier und werde mir dann ein wohlverdientes Nickerchen gönnen. Nun zur letzten Etappe unserer Wanderung:

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Früh morgens machen wir uns auf den Weg die letzten Tage unserer Wanderung mit Ereignissen zu füllen. Es geht mal wieder bergauf, dieses Mal entlang an den Ortschaften Unter- und Obergurgl (welch beknackte Namen?). Wir stellen uns vor, wir liefen in den Schlund eines gewaltigen Drachens, zunächst über die lange Zunge und später in die feurige Gurgl hinein. Bereits nach den ersten Höhenmetern bemerken wir, dass uns die Strapazen der letzten Tage immernoch in den Knochen sitzen und zusätzlich belasten.

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Umso schöner ist es schließlich nach wenigen Stunden auf dem Berg zu stehen – auf der einen Seite der Weg zurück nach Österreich, auf der anderen Seite der weitere Weg durch die Gebirgszüge Italiens. Wir befinden uns in der Nähe des Brenners mitten auf der Ländergrenze. Wow, das ist nun das dritte Land in sieben Tagen. Der Blick schweift zurück über gletscherüberzogene Bergkämme und tiefe Schluchten mit eisigen Gebirgsseen. Dieses Gefühl, hier zu stehen, mitten in den Wipfeln der Welt ist so imposant, dass man es nur schwerlich mit Worten beschreiben kann. Das muss man einfach erlebt haben.

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Beim Abstieg in den italienischen Teil Südtirols, nähern sich vom hinten ein Vater und seine Tochter, die ebenfalls die Alpen überqueren. Sie sollen uns noch den gesamten Nachmittag verfolgen und mit einem Redeschwall unsere friedliche Wanderung gefährden. Nein, sie sind nett, doch reden sie uns tatsächlich beide Ohren ab. Am Ende des Tages kenne ich Ihre gesamte Familiengeschichte auswendig und Feli sich auf einmal erstaunlich gut im Bereich von Anime und Manga aus! Im weiteren Verlauf des Weges sollen Sätze wie: Das hast du dir verdient, meine Große! Oder Sophie-Marie zieh dir die Regejacke an, als Runninggags fungieren.
An dieser Stelle sollte zudem noch freudig mitgeteilt werden, dass wir als einige der Wenigen unserer Karawane der Alpenüberquerer nicht an Magen Darm Problemen leiden mussten. Gut, dass wir die goldene Regel beachtet und nicht aus den jauchegetränkten und gleichzeitig so sauber scheinenden silbernen Gebirgsflüssen getrunken haben.

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Gegen 16 Uhr erreichen wir das Gasthaus Café Maria in Moos. Nun sind wie offiziell auf italienischem Boden und können endlich den langersehnten Cappuccino trinken, der uns auf den Hütten verweigert wurde. Hier gibt es auch seit langer Zeit mal wieder eine konstante Internetverbindung und vor lauter Whatsapp Nachrichten, die beantwortet werden müssen sehen wir die Berge kaum noch. Ich schwöre mir heimlich, bis zum Ende des Urlaubes das Internet nicht mehr anzurühren.
Am nächsten Morgen geht es weiter in Richtung Hirzer Hütte, die vorletzte Etappe. Gemeinsam mit SONY DSCRebekka und Simeon wollen auch diese Hürde meistern. Schnell fallen wir zurück, weil unsere Taschen doch schwerer beladen sind als die Taschen unserer Leichtgewichtskameraden. Die Route führt uns entlang an Sankt Leonard bis zur Pfandler Alm, in der schon der Südtiroler Nationalheld Andreas Hofer Schutz vor den Truppen Napoleons suchte. Doch unsere heutige Tagesetappe ist noch nicht vorüber. Der anstrengendste Teil sollte noch kommen, wie wir bald mit Entsetzen feststellen mussten. Um Zeit zu sparen, hatte wir uns dazu entschloss zwei Etappen zusammenzulegen. Doch die sich daraus ergebende Megaetappe von neun Stunden sollte uns schon bald an unsere Grenzen bringen.
Die Mittagshitze Südtirols steht über uns und brennt uns im Nacken. Der Rucksack schmerzt auf den

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Schultern und die Blasen in den Schuhen. Langsam, Zentimeter für Zentimeter, schleppen wir uns den steilen Hang hinauf. Wir stolpern jetzt nicht mehr, wir ächzen langsam, wie eine in die Jahre gekommene Dampflock den Berg hinauf. Ich habe bereits aufgegeben, ermunternde “wir sind bald da” Aussagen zu treffen, da ein Ende einfach nicht in Sicht kommt. Nach gefühlten Jahren erreichen wir schließlich mit letzter Kraft die Spitze. Endlich. Von hier an noch 1,5 Stunden – oh mein Gott. Die Stimmung ist am Boden, mit den letzten Kräften schleppen wir uns den nicht enden wollenden Weg entlang, Berg für Berg. Dabei vergessen wir doch glatt ein Auge auf die schöne Natur zu werfen, die uns umgibt. Aber es zählt nur ein Gedanke! Hütte!! Abends erreichen wir endlich die Hirzer Hütte und nach einem wohlverdienten Abendessen schlafe ich bereits auf der Bank der Gasstube ein.

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Früh am Morgen machen wir uns schließlich auf zur letzten aller Hütten, der Meraner Hütte. Heute erscheint alles wieder leichter. Sowohl der Weg erweist sich wieder als kürzer, als im Führer angegeben und zudem ist unsere Motivation auf Hochtouren. Schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, die Alpen überquert zu haben. Von der Meraner Hütte nehmen wir einen Bus bis ins Tal. Im Bus sitzend schlürfen wir noch die letzte Buttermilch von der Alm und wundern uns über das Fortbewegungsmittel Bus. Ich komme mir vor, wie ein Mensch, der in der Steinzeit die Alpen überquert hat und nun das erste Mal in seinem Leben verwundert das Wunder der Technik in Form eines Busses benutzt. Woow. Ich bewege mich, ohne dass ich meine Füße bewege und ganz ohne Anstrengung.

Dies ist also das Ende von unserer Überquerung. Ich kann jedem nur empfehlen auch mal in den Alpen wandern zu gehen. An dieses Hochgefühl kommt sonst wenig heran. Und nun gönne ich mir mein wohlverdientes Nickerchen. Bis bald! 🙂

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