Sie sind sehr beeindruckt, wir gehen weiter. 

IMG_6451Wir stehen auf einer staubigen Straße, Lastwagen rasen an uns vorbei und die Sonne erhitzt unsere ohnehin schwitzigen Gemüter bereits um zehn Uhr morgens. Auf unserem Schild steht in großen schwarzen Buchstaben GDAŃSK geschrieben und wir wollen heute zur Abwechslung mal zu unserem nächsten Ziel trampen. Nicht weil wir es uns nicht leisten könnten, nein vielmehr des Erlebnispotentials wegens. An dieser Stelle unser beliebter Reisespruch: Was kostet die Welt? Was kostet Polen? Und dabei eine lässige Handbewegung. Nun, fangen wir vorne an…

Nach den erholsamen und zugleich erstickenden Tagen in Bielawa sind wir schließlich heilfroh endlich in Richtung IMG_2497Krakau aufbrechen zu können. Wir nehmen also früh morgens unseren Freund den Polskibus und erreichen mittags das sagenumwobene Krakau. Dennis Opa hatte bereits die Frauen Krakaus als die schönsten ganz Polens gepriesen, vielleicht finden wir ja hier eine angemessene Frau für Dennis. Auf der Fahrt machen wir uns nochmal über die Art und Weise lustig, wie in Polen Filme synchronisiert werden. Nämlich gar nicht, oder zumindest nicht im deutschen Verständnis. Ähnlich wie in Filmen für Blinde spricht eine monotone polnische Männerstimme und übersetzt für den Zuschauer. Dabei geht es allerdings nicht darum Emotionen zu übertragen, egal ob Drama, Komödie oder Actionfilm, die Stimme bleibt immer gleich. Angenehmer dagegen ist es, wenn es lediglich polnische Untertitel gibt, dann verstehe ich auch noch etwas!
In Krakau angekommen vertreiben wir uns ein wenig die Zeit in der wunderschönen, doch sehr touristischen Altstadt, IMG_6405bis wir am Nachmittag unsere Couchsurferin für diese Nacht treffen sollen. Aga hat eine wunderbare Wohnung mit Blick über die Altstadt Krakaus. Wir sind beeindruckt und für eine Nacht ihre Gäste. Abends schauen wir uns das Szeneviertel Kasimierz an und essen die wohl größten Baguettes (Zapiekanka) der Welt. Ehrlich. Sie sind aber nicht nur groß, sie schmecken auch wunderbar. Am nächsten Morgen checken wir in das Orange Hostel ein und machen uns auf, um eine alte unterirdische Salzmine zu besichtigen. Vor Ort kaufen wir ein überteuertes Ticket für die deutsche Tour und schließen uns einer videokameratragenden Gruppe von Rentnern an. Der rund sechzig Meter Tiefe Abstieg geradewegs durch dicke Salz- und Gesteinsschichten schraubt unsere Erwartungen hoch. Glücklicherweise hat Dennis am Eingang für lächerliche 10 zloty einen Kamerabutton erworben, den er nun stolz auf seiner Brust trägt und der uns dazu berechtigt Fotos zu schießen. Unten angekommen staunen wir nicht schlecht, aber IMG_6042nicht etwa über alte Tunnel, gigantische Salzkristalle oder unterirdische Seen. Nein, vielmehr sind es die unzähligen Räume gefüllt mit aus Salz gehauenen Statuen von berühmten Persönlichkeiten wie Mozart und arbeitenden Zwergen. Auch unser Führer scheint mindestens so alt wie die Salzstatuen und seines Jobs überdrüssig zu sein. Die von ihm einst sorgsam vorbereiteten und im richtigen Moment eingesetzten Witze werden von einem trockenen Sarkasmus begleitet, der nur die ältesten Rentner auflachen lässt. Dann betreten wir auf einmal eine dunkle Kammer, in der plötzlich von enemy Beamer an die Wände geworfenes Feuer auflodert und eine Explosion erfolgt durch die Lautsprecher. Irre! Gezeigt wird die schwierige Arbeit einiger Menschen untertage, die das Gas an den Höhlendecken gezielt zur Explosion bringen mussten. Mit seiner polnischen Leidenschaft sagt unser Führer: Sie sind sehr beeindruckt, wir gehen weiter. Und wir gehen weiter. Am Ende gibt es aber doch noch drei Highlights in Form von großen in das Salz gehauenen Sälen mit Salzkristall-Kronleuchtern, IMG_6517Salzkristall-Fliesen und Salzkristall-Jesusfiguren. Kaum zu glauben ist auch die Tatsache, dass das letzte Pferd noch bis 2002 in dieser salzhaltigen Hölle arbeiten musste. Nach dem ganzen Salz sind wir dann doch heilfroh, dass wir endlich zum Ausgang gehen dürfen. Dennis schaut noch etwas verknittert, weil sich niemand für seinen Kamerabutton interessiert hat, doch beim Gedanken an den baldigen Aufstieg werden unsere kalten Glieder schon ganz ungeduldig. Niemand hätte gedacht, dass es von diesem Punkt aus noch eine halbe Stunde Fußmarsch durch ein scheinbar sinnlos angelegtes Tunnelsystem bis zum Aufzug sein sollte. Vorher muss man noch an diversen unterirdischen Souvenirläden, Restaurants und Imbissständen vorbei und sich den einen oder anderen zynischen Kommentar über die Massen an Leuten verkneifen, die mit ihrem Wurstbrötchen nicht bis Krakau warten können. Dann endlich Licht, Luft und Freiheit. Und ganz im Geheimen: Die Fahrt mit dem Aufzug war unser persönlicher Höhepunkt!
Nun, was gibt es noch zu sagen? Krakau ist eine tolle Stadt mit einer sehr schönen Altstadt. Auf die Frage, ob wir lieber Ausschwitz oder Wieliczka (Mine) machen wollten antwortete man uns, es sei im Prinzip sehr ähnlich, nur dass in IMG_6520Ausschwitz zusätzlich noch gedrückte Stimmung herrsche. Hm. Wir wurden zudem mit der Frage “you have ticket?” aus dem Dom geworfen, weil wir einen angeblich nicht kostenfreien Bereich betretenen hatten (nunja, es gab tatsächlich Absperrbänder). Ein weiteres Highlight waren die Trikes (dreirädrige Mischung aus Fahrrad und Rollstuhl), die man in der Altstadt an jeder Ecke anmieten konnte. Wir wissen nicht, ob nur wir einen gewissen Grad an ästhetischem Urteilsvermögen besitzen, oder ob unsere Optik irgendwie einen Knacks hat, doch für uns sehen diese Dinger total Banane aus und wenn dann jemand versucht über ein Kopfsteinpflaster zu fahren erinnert das eher an einen epileptischen Anfall als an einen elegantes Fahrstil. Und als wäre das dann noch nicht genug, muss man sich besoffene oberkörperfreie Gruppen von Engländern anschauen, die damit grölend und in Schleifen durch die Stadt fahren. Die armen (Krakauer-)Würstchen (Sorry, der Witz war längst überfällig).IMG_6495
Nach einigen Tagen nehmen wir erneut den Polskibus diesmal nach Warschau. Julia und die Infinity flat haben uns bereits geschrieben, dass wir einige Tage bei ihnen auf der Couch übernachten können. Gegen elf Uhr abends erreichen wir Warschau an einem komplett anderen Ort als zuvor geglaubt, doch nach einer kurzen Orientierung fahren wir schon in Richtung unseres wohlverdienten Schlafplatzes. Im Plattenviertel angekommen irren wir uns mehrere Male im Haus und dann noch in der Haustüre, bis wir endlich ankommen. Wir werden begeistert von einer Horde angetrunkener und sehr freundlicher Menschen begrüßt. Das Aufnahmeritual besteht darin eine bunte Bohne zu essen, die diverse eklige Geschmacksrichtungen haben kann. Ich habe Glück und wähle bloß Lakritz, Dennis dagegen hat faules Ei. Dann geht es auch schon in die Heia denn am nächsten Morgen stehen wir früh auf, um auf den uns versprochenen Segeltrip zu fahren.
Wir frühstücken in einem Szenecafé, das es sogar mit den hipprigsten Cafés Ehrenfeldes aufnehmen kann. Am See angekommen geht es auch schon direkt auf das Mietboot. Da keiner von uns wirklich Erfahrung im Steuern von IMG_5463Segelbooten besitzt, sind wir froh, dass wir Pjotr dabeihaben. Pjotr gibt hin und wieder Unterrichtsstunden im Segeln und versichert mir, dass bei dem geringen Wind die Chance zu kentern bei unter einem Prozent läge. Na dann kanns ja losgehen, schade nur, dass kaum Wind da ist! Dann kommt irgendwann doch eine kleine Böe, das Segel wird aufgezogen und ich erdrossele mich beinahe am Tau. Nach einigen wenden, bei denen wir fast zu kentern scheinen, gewöhnen wir uns langsam an das Spektakel und es macht sogar ein wenig Spaß! Nach einer Windflaute darf dann auch endlich mal Dennis ans Steuer. Das klappt auch ganz gut, zumindest bis zu dem Punkt, an dem wir uns über einem Jetski Fahrer lustig machen, der neben unserem Boot von seiner Maschine geschleudert wird. Blöd nur, dass diese Dinger Wellen werfen und wir uns gerade wieder in einer dieser riskanten Kurven befinden. Es kommt natürlich, wie es kommen muss und wir sind der eine Prozent, der es sogar schafft bei Windstufe vier das Boot voll Wasser laufen zu lassen. In letzter Sekunde schaffen wir es noch das Boot umzureißen. Unsere Schuhe, Taschen und der Proviant schwimmen willkürlich verteilt durch das randvoll gefüllte Boot und wir erholen uns langsam von dem Schock!
IMG_6597Viel mehr spannendes hat Warschau dann auch kaum noch zu bieten. Hier nochmal ein kleiner Tipp, solltet ihr jemals nach Warschau kommen, gönnt euch ein Tagesticket für den Nahverkehr (stolze zwei Euro), denn die Wahrschauer Straßen sind gefühlt dreimal so breit wie deutsche Hauptstraßen und da die Ampeln extrem kurz geschaltet sind, braucht so manch eine Oma gleich drei Phasen, um über die Kreuzung zu gelangen. In Polen gibt so zahlreiche Einkaufszentren, dass es glücklicherweise in der Regel gar nicht mehr nötig ist die Straßenseite zu wechseln, da sowieso auf beiden Seiten eine Mall ist. Generell soll man Polen auch das Land der Shoppingmalls nennen! Nach den ganzen Malls freut man sich dann doch irgendwann in ein ruhiges zu Hause zu kommen und zu entspannen! Schade nur, dass das eigene Bett und Zimmer gleichzeitig als Eingangsflur, Esstisch, Katzenklo, Kochplatte (Fleisch in Kontaktgrill) und Aufenthaltsraum, von dem alle Zimmer abgehen, fungiert. Nachtruhe ade! Nach einigen Tagen sind wir dann doch heilfroh endlich in Richtung Meer und Entspannung fliehen zu können.
Ein letzter wehmütiger Blick auf das wunderbare Wahrschau (jetzt verstehe ich auch, warum das bei Monopolie nie IMG_6182einer kaufen wollte) mit seinen von sexy Visitenkärtchen gepflasterten Panzerstraßen und schon hält der erste Autofahrer an, um uns in Richtung Danzig mitzunehmen. Er nimmt uns mit bis zu einer besseren Stelle und wir halten eifrig unsere Daumen in den Fahrtwind. Nach einer halben Stunde haben wir Glück und werden die letzten dreistündig bis nach Danzig mitgenommen! Dort angekommen übernachten wir bei der Couchsurferin Karina, ihrer Schwester und der Hauskatze Sash. Wir haben ein eigenes Zimmer, Handtücher und eine richtige Küche – welch ein Luxus! Beim Anblick der Küche schlägt mein Herz gleich wie verrückt! Das bedeutet das ewige Schweinefleisch Polens in Form von Steak, Wurst oder Eintopf hat ein Ende und wir können endlich kochen was das Couchsurferherz begehrt! Tomatensauce! Wir wohnen im Stadtteil Oliwa und keine fünfzehn Minuten nach Ankunft sitzen wir schon zusammen mit Karina und ihrem Freund in einer Bahn an den Strand der Dreistadt (Gdansk, Gdynia, Sopot). Am Meer angekommen Rennen Dennis und ich direkt wie zwei Bekloppte ins Wasser, um noch ein wenig die letzten Sonnenstrahlen zu nutzen. Im Anschluss trinken wir alle IMG_6464noch ein Bier (diesmal nicht polnisch “eins”). Aber nicht etwa in einer Bar, nein auf einer stockfinsteren Bank in einem noch viel finsteren Park. Wenn man uns entführen wollte, wäre dies wahrscheinlich der beste Moment. Nun, die beiden wollen uns nicht entführen und so haben wir noch die nächsten Tage, um uns Danzig und die Wanderdünen von Leba anzuschauen. Beides empfehlenswert. Am Abend vor unserer Abreise essen wir alle unsere Teller leer, obwohl es in Polen das Sprichwort mit dem schlechten Wetter gar nicht gibt. In Polen dagegen sagt man: “Wenn man eine Spinne tötet, gibt es schlechtes Wetter am nächsten Tag.” Auch gut. Zum Glück töten wir keineIMG_2023 Spinnen, wir sind nämlich Tierfreunde. Wir essen sie nur. Nach dem Essen probieren wir sämtliche selbstgemacht Liköre der beiden Schwestern und fahren bereits angetrunken in die Stadt auf ein Konzert. Das Konzert ist natürlich gerade vorbei, als wir ankommen, doch wenn man schonmal in Danzig ist, sollte man auch das Stadtleben mitnehmen. Von nun an folgt eine fünfstündige Odyssee durch sämtliche Bars der Stadt. Und der Urlaub endet, wie er begonnen hat: In der Shotbar. Zum krönenden Abschluss gibt es dann noch Vodka mit Blattgold und zum nachspülen Kirschvodka bis ins Delirium. Wer sich jetzt noch fragt, wo er seinen nächsten Urlaub machen soll? Na Polen! Wo kann man sonst für so wenig Geld so viel Spaß haben? 🙂

 

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